Zu den Arbeiten


Die Motive dieser Fotografien sind meist dem Fernsehen entnommen, da sich hier die Bilderflut ungehindert in meine Wohnung ergießt.

Die gesteuerte Unschärfe (defokussiert) verweigert dem Betrachter die genaue Information über das Abgebildete. Gerade dies wird meist von Fotografien verlangt.
Die Unschärfe ist so fokussiert, dass selbst das Korn verschwindet, und die Tonwerte und Farbübergänge so fließend wie bei einem Fotogramm werden. Meist nehme ich noch kleinere Veränderungen von Kontrast und Farbbalance am Computer vor.
Das Fotopapier ist auf 3mm starke Dibondträger aufgezogen und mit einer UV-Schutzfolie kaschiert. Sie werden mit einem Abstand von ca. 5 cm zur Wand - gleichsam schwebend - angebracht. Die Unschärfe kontrastiert mit der scharfen Bildbegrenzung. Die Rückseite der Platten ist mit einer farbigen Folie bezogen, so dass der Reflex einen leichten farbigen Schatten auf die Wand wirft.

Während der Betrachter sich im Raum bewegt, sich den Bildern nähert und wieder entfernt, soll er die Veränderbarkeit seiner Wahrnehmung und seiner Bildbetrachtung erfahren. Ist dem Abgebildeten jedoch einmal ein Inhalt zugesprochen, fällt es schwer, sich wieder von diesem zu lösen und sich einer anderen Interpretationsmöglichkeit zu zuwenden. Annäherung bringt kein Mehr an Klarheit, das Bild entwindet sich mit jedem Schritt, Details verweigern sich dem Zugriff und verbergen sich wohlwollend hinter farbigen Flächen. Erst Entfernung ermöglicht eine gewisse Konturenschärfe und ein Erkennen des Abgebildeten, eine letzte Unsicherheit, ein Geheimnis jedoch bleibt bestehen.

Die einzelnen Bilder der mehrteiligen Arbeiten stehen in einem nicht erkennbaren, aber zu ergründenden Zusammenhang. Ich möchte einen Anstoß geben und die Phantasie des Betrachters in eine beliebige Richtung in Gang setzen.

Boris von Brauchitsch

Die Unschärfe in der Kunst hat eine lange Geschichte, die bis in die Renaissance zurückreicht und untrennbar mit der Beobachtung von Naturphänomenen verknüpft ist. Atmosphäre, Dunkelheit und Nebel verunklärten, entrückten und förderten das Diffuse und Geheinmissvolle.

In den traditionellen Lehrbüchern der Fotografie dagegen galt Schärfe als erstrebenswert, und erst als die automatisierte Kameratechnik es dem Amateur zusehends schwer machte, unscharfe Fotos zu produzieren, trat die Unschärfe in der künstlerischen Fotografie – abgesehen von einem postimpressionistischen Intermezzo um 1900 – in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihren Siegeszug an. Mag man differenzieren zwischen Schärfe und Unschärfe als stilistischen Kriterien, so lässt sich konstatieren, dass gegenwärtig die Vielfalt der Künstler, die mit Unschärfe experimentieren, ähnlich heterogen ist wie die der Fotografen, die sich der Schärfe verschrieben haben.

Jens Nagels entwickelt einen sehr besonderen Umgang mit dem Stilmittel der „Defokussierung“. Seiner Laufbahn als Fotograf ging ein Studium der Malerei in Düsseldorf voraus. Und es ist unverkennbar, dass sich seine Aufnahmen, die in der Regel keine Natur reproduzieren, sondern Realitäten aus zweiter Hand zu farbintensiven Visionen verfremden, den malerischen Ansatz bewahrt haben. Wie ein Gourmet selektiert er aus dem, was sich durchs Fernsehen in seine Wohnung ergießt, die Delikatessen: „Ich bin kein Jäger, sondern ein Sammler“, sagt er. Seine zweiteiligen Arbeiten transportieren den Eindruck von Romantik und Auflösung, selbst das Korn verschwindet in den sinnlichen Farbverläufen, und während die einander zugeordneten Bilder scheinbar danach streben, ineinander zu fließen, werden sie zugleich durch die scharfen Kanten der Bildbegrenzungen gezügelt. Die Aufnahmen leben von einem labilen Gleichgewicht: hier Be-, dort Entgrenzung, hier fotografierter Film, dort malerische Fotografie, hier Abbild, dort Informationsverweigerung. Und das überträgt sich auf den Betrachter, dessen Standpunkt sich idealerweise einpendelt zwischen dem Wunsch nach konkretem Erkennen und der Lust an freier Assoziation.

Doris Krininger


Dramatik mit kriminalistischem Hintergrund beinhaltet die Fotoserie „Tatorte“ von Jens Nagels. Er erfindet seine „Tatorte“ aus bereits Erfundenem, fällt der Fiktion gleichsam in den Rücken. Vom Screen direkt abfotografierte Krimi-Stills entschärfen den perfektionierten Fokus und wandern unsortiert und kontextfrei ins Archiv. Dort lagern sie, um bei Bedarf in gewählten Sequenzen digital bearbeitet über Beschnitt, Kolorit , Licht- und Schattenführung zu Pendant-Porträts neu vernetzt zu werden. „Schuldig“ zeigt auf dem linken Foto eine liegende weibliche Gestalt, die zwei wohl knienden Personen rahmen. Ein Unfall, ein Mord ? Auf der Komplementärfotografie ist das rätselhafte Gesicht einer Frau in vager Blickrichtung nach links zu erkennen. Ein hilflose Opfer oder die wissende Täterin? Das Dyptichon kontrastiert mit feurigem Rot neben satten Grün- und Blauspots eine verschwimmende Oberfläche. Distanziert vermag man schemenhafte Informationen auszumachen, die sich bei Annäherung im Farbverlauf verflüchtigen. ‚Tatorte’ irritieren gewohnte Nah- und Fernsicht , verweigern im Porträtieren einer Situation bildnerisches Konkretum.

Dr. Bernd A. Gülker


Zeichnen wir also die Konturen eines Werkes nach, dass sich durch Konturlosigkeit auszeichnet. Versuchen wir die Form zu fassen, wo Formlosigkeit dominiert. Spüren wir versteckten Geschichten nach, auch wenn sie verschleiert und diffus aus den Bildern zu uns sprechen. Stellen wir uns der Sehstörung: Schon Goethe weigerte sich eine Brille zu tragen – als „Flucht vor der Moderne“.
Die Arbeiten von Jens Nagels sind von einigen Determinanten bestimmt, auf die ich im folgenden näher eingehen möchte.

Da ist zunächst der malerische Umgang mit der Farbe. Sodann spielt die Einbettung von Fotografie in die Bildwelt der Medien eine gewisse Rolle. Schließlich werden flüchtige filmische Sequenzen eingefroren und festgehalten und in neue narrative Zusammenhänge überführt. Prägend für alle Arbeiten ist das bewusste Zurückhalten und Unterdrücken von Bildinformationen durch gesteuerte Unschärfe.
Sein Interesse gilt nicht der vorgefundenen sichtbaren Wirklichkeit, hier wird nicht Natur reproduziert, sondern sein Interesse gilt den Bildern aus zweiter Hand. Aus der Bilderflut, die sich unablässig über den Fernseher in die Wohnstuben ergießt, sammelt der Künstler sein Rohmaterial und filtert es später für seine künstlerische Bearbeitung.
Wenngleich die Menschen, zumindest in der westlichen Welt, nie schärfer gesehen haben als heute, sind die Mittel der Unschärfe in den Bildern der Medien und auch der Kunst ungleich populär. Man mag darin eine Flucht vor der Überfrachtung durch Bildmedien erblicken, eine Flucht vor der die Sinne überfordernden Gegenwart. Eine Rückbesinnung auf die erwähnte Verschmelzung mit der Sicht auf die Dinge, so wie die Landschaftsmalerei der Romantik diesen Einklang herzustellen versuchte.

Doch auch in der Fotografie existiert die Tradition des unscharfen Bildes. Das 19. Jahrhundert hat im Bereich der künstlerischen Fotografie zahllose Beispiele zu bieten, einige Autoren sprechen gar von einer Unschärfe-Welle. Im 20. Jahrhundert tritt in der Fotografie eine Eigenart besonders in der Sensationsberichterstattung zu Tage. Wo keine Zeit für den Fotografen bleibt, wenn er unmittelbar im Mittelpunkt des Geschehens steht, Auge in Auge mit der Gefahr, sich um Bildqualität zu kümmern. So geriet das unscharfe Foto zum Beleg für Authentizität. (Bewegungsunschärfe)
Ein wenig von dieser über Unschärfe vermittelten Ursprünglichkeit ist auch in den Bildern von Jens Nagels zu finden. Durch die Paarbildung seiner Arbeiten – mitunter finden sich auch Dreiergruppen – wird ein erzählerisches Moment suggeriert. Eine Geschichte in Bildern, freilich ähnlich reduziert wie die Motivik der Einzelbilder, aber ausreichend für den Betrachter, um die vermutete Geschichte zwischen den Bildern oder auch das „Davor“ und das „Danach“ zu entwickeln. Aus der Bildserie mit dem Titel „Tatort“ sind in dieser Ausstellung drei solcher Paar-Bilder zu sehen. Wobei der Künstler sich die Freiheit nimmt, Bildmaterial auch aus verschiedenen Tatort-Folgen zu neuen Pärchen zusammenzufügen.

Warum sprechen uns Bilder an, auf denen zunächst nur wenig zu erkennen ist? Vielleicht ist es die Lust an der feien Assoziation, vielleicht auch der Wunsch, bei genauerer Betrachtung konkrete Elemente benennen zu können. Vielleicht auch die Tatsache, in Bilder eintauchen zu können, ohne sich an scharfkantigen Details zu verletzen oder sich in der Fülle der Einzelheiten zu verlieren.